Diese Checkliste deckt die fünf Kernbereiche eines vollständigen Lieferanten-Audits ab: Produktion, Qualitätssicherung, Compliance, Arbeitsbedingungen und Logistik. Insgesamt 32 Prüfpunkte. Sie können sie für ein eigenes Audit vor Ort, ein Remote-Audit per Video oder als Briefing für Drittanbieter wie SGS, Bureau Veritas oder TÜV verwenden. Für die ersten beiden Optionen rechnen Sie mit 4–6 Stunden reiner Audit-Zeit.
Wann ein Audit erforderlich ist
Ein vollständiges Lieferanten-Audit ist sinnvoll vor jeder Erstbestellung mit einem Warenwert über 10.000 Euro, vor Aufnahme eines Lieferanten in eine A-Klassifizierung Ihrer Beschaffungsstrategie sowie bei sicherheitsrelevanten Produkten unabhängig vom Bestellvolumen. Für Wiederholungsaudits etablierter A-Lieferanten genügt typischerweise ein 12-monatiger Zyklus mit reduziertem Prüfumfang (rund 12 Prüfpunkte).
Bereich 1: Produktion (8 Prüfpunkte)
- Eigentumsverhältnisse der Produktionsstätte: Eigentum, Pacht oder Untervermietung? Pachtverträge unter 24 Monaten Restlaufzeit sind ein Warnsignal.
- Produktionskapazität pro Monat: Stückzahl pro Schicht, Anzahl Schichten, Anzahl Arbeitstage. Lassen Sie sich die letzten drei Monatsproduktionen mit Belegen zeigen.
- Maschinenpark-Liste: Hauptmaschinen mit Hersteller, Baujahr, Wartungshistorie. Maschinen über 15 Jahre Alter rechtfertigen ein vertieftes Gespräch zur Investitionsplanung.
- Auslastung: Wie viel Prozent der Kapazität ist aktuell belegt? Werte unter 60 % oder über 90 % deuten auf Risiken hin (zu wenig Aufträge bzw. keine Reserve für Ihre Bestellungen).
- Hauptkunden: Lassen Sie die fünf wichtigsten aktuellen Kunden offenlegen. Konzentration über 60 % auf einen einzelnen Kunden bedeutet hohes Ausfallrisiko.
- In-house Fertigungstiefe: Welche Prozessschritte erfolgen im eigenen Werk, welche werden ausgelagert? Vermerken Sie die Sub-Lieferanten und prüfen Sie diese mindestens stichprobenartig nach gleichem Schema.
- Lager und Materialwirtschaft: Rohstoff-Lagerbestand für die geplante Bestellung. Bei Vorlaufzeiten kritischer Materialien über 8 Wochen ein Risiko.
- Notfallplan: Was passiert bei Stromausfall, Maschinenausfall, Streik? Indien hat saisonale Stromfluktuation; Generator-Backup ist Standard, aber explizit zu bestätigen.
Bereich 2: Qualitätssicherung (7 Prüfpunkte)
- ISO 9001-Zertifizierung: Gültiges Zertifikat einer akkreditierten Stelle (TÜV, SGS, BSI). Lassen Sie das Originalzertifikat zeigen, nicht nur den Plattform-Eintrag.
- Produktspezifische Zertifikate: CE, REACH, ROHS für EU-Markt; FSSAI für Lebensmittel; BIS für Stahl. Jedes Zertifikat mit Gültigkeitsdatum prüfen.
- Wareneingangsprüfung: Schriftliche Prüfanweisungen für Rohstoffe? Zugehörige Prüfprotokolle der letzten 30 Tage einsehen.
- In-Prozess-Kontrollen: Kritische Kontrollpunkte (CCP) definiert? Frequenz und Methode der Stichprobenkontrollen dokumentiert?
- Endkontrolle / Final Inspection: Akzeptable Qualitätsgrenzen (AQL-Niveau) festgelegt? Standard für EU-Importe ist AQL 2,5 für major defects.
- Reklamationshistorie: Anzahl Reklamationen der letzten 12 Monate, Reklamationsquote, durchschnittliche Bearbeitungszeit. Werte über 2 % Reklamationsquote sind ein Warnsignal.
- Rückverfolgbarkeit: Lot-Nummerierung implementiert? Bei Lebensmitteln, Pharma und sicherheitsrelevanten Produkten regulatorisch zwingend erforderlich.
Bereich 3: Compliance und Recht (6 Prüfpunkte)
- GSTIN aktiv und konsistent: Status auf services.gst.gov.in aktuell „Active“; Adresse stimmt mit Werksadresse überein.
- IEC-Code registriert und aktiv: Verifiziert auf dgft.gov.in; mindestens 3 Jahre alt für etablierte Exportpraxis.
- AD Code registriert am vorgesehenen Versandhafen: Mumbai (Nhava Sheva), Chennai, Mundra oder Kolkata — abhängig von Ihrer Routenplanung.
- Keine offenen Klagen: Recherche über mca.gov.in und allgemeine Gerichtsdatenbanken (ecourts.gov.in). Klagen wegen Vertragsbruch oder Insolvenz sind Ausschlusskriterien.
- Steuerlicher Status: Letzte Steuererklärung eingereicht, GST-Filings laufend. Indische Lieferanten mit GST-Compliance-Lücken über 90 Tage signalisieren strukturelle Liquiditätsprobleme.
- EU-Compliance dokumentiert: Bei Exporten in die EU sind Konformitätserklärungen für die jeweilige Produktgruppe Pflicht. Lassen Sie eine Beispiel-Erklärung aus einer früheren EU-Lieferung zeigen.
Bereich 4: Arbeitsbedingungen und Sozialstandards (6 Prüfpunkte)
Mit Inkrafttreten des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) und der EU-Lieferketten-Richtlinie (CSDDD) ist die Prüfung der Sozialstandards für deutsche Importeure ab bestimmten Größenordnungen rechtlich verpflichtend. Die folgenden sechs Punkte gehören zum verbindlichen Audit-Standard:
- Keine Kinderarbeit: Mindestalter aller Beschäftigten dokumentiert (Geburtsdatum-Belege oder Aadhaar-Nummern). Indisches Mindestalter für gewerbliche Arbeit: 14 Jahre, für gefährliche Arbeit: 18 Jahre.
- Faire Bezahlung: Lohn entspricht oder übersteigt den indischen Mindestlohn der jeweiligen Bundesstaates und Berufskategorie. Lohnabrechnungen der letzten 3 Monate stichprobenartig einsehen.
- Arbeitszeit: Maximale Wochenarbeitszeit nach Factory Act 1948 ist 48 Stunden. Überstunden mit 100 % Aufschlag dokumentiert.
- Sicherheit am Arbeitsplatz: Persönliche Schutzausrüstung verfügbar und in Nutzung; Brandschutz-Ausstattung; Notausgänge frei begehbar; Erste-Hilfe-Material vorhanden.
- BSCI-, SA8000- oder Sedex-Zertifizierung: Mindestens eines dieser Sozialstandards-Zertifikate aktiv und auditiert? Für DAX-Zulieferer faktisch Pflichtanforderung.
- Keine Diskriminierung, keine Zwangsarbeit: Schriftliche Unternehmensrichtlinie vorhanden? Beschwerdemechanismus für Mitarbeitende eingerichtet?
Bereich 5: Logistik und Versand (5 Prüfpunkte)
- Bevorzugter Versandhafen: Mumbai, Mundra, Chennai oder Kolkata? Kompatibilität mit Ihrem Empfangshafen prüfen.
- Erfahrung mit Incoterms 2020: Welche Incoterms werden routinemäßig angeboten? FOB ist Standard für Erstbestellungen, CIF bei etablierten Beziehungen.
- Verpackungsstandard: Export-Verpackung mit Holzbehandlung nach ISPM-15? Ohne dieses Zertifikat keine EU-Einfuhr möglich.
- Versanddokumente vollständig: Standard-Set: Commercial Invoice, Packing List, Bill of Lading, Certificate of Origin (EUR.1 für FTA-Vorteil), Versicherungsnachweis. Beispiele aus früheren Sendungen prüfen.
- Lead-Time-Verlässlichkeit: Pünktlichkeitsquote der letzten 12 Monate. Werte unter 85 % erfordern erhöhten Sicherheitsbestand auf europäischer Seite.
Bewertungsmatrix
Vergeben Sie für jeden der 32 Prüfpunkte einen Score von 0 bis 3:
| Score | Bedeutung | Konsequenz |
|---|---|---|
| 3 | Vollständig erfüllt, dokumentiert | Kein Handlungsbedarf |
| 2 | Erfüllt, aber Dokumentation lückenhaft | Nachforderung vor Auftragserteilung |
| 1 | Teilweise erfüllt | Korrekturplan binnen 30 Tagen erforderlich |
| 0 | Nicht erfüllt | Sofortiges Ausschlusskriterium |
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Maximaler Gesamtscore: 96. Ein Lieferant qualifiziert sich für die A-Kategorie ab 85 Punkten ohne Einzelwertung 0. Die B-Kategorie umfasst 70 bis 84 Punkte; alles darunter erfordert entweder eine konkrete Aufholplanung oder den Verzicht auf den Lieferanten.
Drucken Sie diese Checkliste vor jedem Audit aus und füllen Sie sie handschriftlich aus. Das verhindert die Versuchung, Lücken zu „glätten“ und zwingt zu sauberer Dokumentation. Die ausgefüllte Checkliste wird Bestandteil Ihrer Lieferantenakte.
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